Nachtwächter in Nöten: die Bitte der vier Wilhelme im Jahre 1914

Nachtwächter in Nöten: die Bitte der vier Wilhelme im Jahre 1914

Pulwerköppe in alten Quellen: Bitte um Erhöhung ihres Gehalts und um Bereitstellung eines Nachtlokals zur Unterkunft. Schriftstück vom 07.02.1914 (Stadtarchiv).

Dass man früher Winter ganz anderen Kalibers hatte, dies hört man bisweilen noch von Mitmenschen älteren Semesters. Unter welchen Witterungsbedingungen die Nachtwächter vor über hundert Jahren ihren Dienst verrichten mussten, lässt die folgende Quelle erahnen – die Bitte der vier Wilhelme.

Corbach, 7. Januar 1914

Gesuch der Nachtwächter

Wilhelm Fingerhut (hinter Kloster)

Wilhelm Berghöfer

Wilhelm Spitze

Wilhelm Fingerhut (Im Tengel)

um Erhöhung ihres Gehalts und um Bereitstellung eines Nachtlokals zur Unterkunft.

An den Gemeinderat zu H. des Bürgermeisters Corbach

Das Honorar von 2 […] ist für unseren anstrengenden und auch mit Gefahr verbundenen Dienst zu gering. Die Lebensmittel sind teurer geworden und der Unterhalt ist in allen kostspieliger und anspruchsvoller geworden. Wir bitten daher um Erhöhung des Gehalts auf 300 M jährlich für jeden von uns.

Gesuch der Nachtwaechter

Weiter bitten wir um Bereithaltung eines heizbaren mit 1 Tisch und 2 Stühlen versehenen Lokals zu unserer Unterkunft während des schlechten und kalten Wetters oder während der Pausen. Es ist das ein Bedürfnis. Fast in jeder Stadt gleicher Größe ist ein solches vorhanden. Mit Ergebenheit!

Der Gemeindevorstand

Man stelle sie sich vor, die Nachtwächter im Jahre 1914... Eisig und sicherlich auch sehr stockfinster dürften die Korbacher Winternächte gewesen sein - die Elektrizität hielt schließlich nur langsam Einzug in unsere ländliche Gegend, sodass die eigene Laterne weiterhin die wichtigste Lichtquelle bei der Arbeit gewesen ist. Für ihre Tätigkeit erhielten die Nachtwächter durch die Jahrhunderte hinweg vergleichsweise wenig Geld, was auch diese Quelle offenbart.

In seinem Entschluss (1. Bild, linker Bildrand) zeigte sich der Gemeindevorstand gnädig und arrangierte ein Treffen.

Herr Stephan, […] die Nachtwächter auf Mittwoch den 14, mittags 12 ¼ Uhr geladen. Mäntel Lampen und Kappen sind mitzubringen.

C. 11.1.1914 Steinrück

Erledigt 19.1.14 Stephan

An den Gemeinderath z H des Bürgermeisters C.

Letztlich gab der Gemeinderath im Hinblick auf die Forderung nach Lohnerhöhung nach, sodass Bürgermeister Albert Steinrück am 18.01.1914 grünes Licht erteilen konnte.

Der Gemeinde-Vorstand hat die Entlohnung für die Nachtwächter auf 300 erhöht. Es ist alles geregelt (18.01.1914)

Corbach 18.1.14

Der Gemeindevorstand

Fortan durften sich die Nachtwächter Korbachs also über einen besseren Lohn freuen. Ob sich die Bitte über die Bereitstellung eines Nachtlokals erfüllt hat, verrät die Quelle freilich nicht. Bei positivem Bescheid wäre es spannend zu wissen, an welcher Stelle sich dieses befunden hat. Verruchte Korbacher Zungen behaupten ja, es gebe noch heute in der Neustadt ein beliebtes Nachtlokal mit recht hohen Bierpreisen, doch das ist eine andere Geschichte…

Erkenntnisse:

  1. Der Beruf des Nachtwächters war schlecht bezahlt, was durch zahlreiche weitere Quellen mit Lohnerhöhungsforderungen bezeugt wird.
  2. In Korbach konnten sich die Nachtwächter jahrzehntelang nicht in eine von der Stadt gestellte Stube zurückziehen, was scheinbar in anderen Städten üblich war.

Last modified onSonntag, 08 November 2020 17:56
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